Zu den Author*innen

Marie-Aline Römer ist 1990 in Berlin geboren, hat aber ihre Kindheit zwischen Zimbabwe, Südafrika und Russland verbracht. Nachdem sie 2014 ihren Bachelor in Chinesisch und Sozial-und Kulturanthropologie beendet hat, lebte sie ein halbes Jahr in Vladivostok, wo sie — wohl auch weil montagelang im Wohnheim eingeschneit — began Gedichte zu schreiben. Seitdem wurden Ihre Gedichte in verschiedenen Englischsprachigen Magazinen verlegt, und mit einem Gedicht aus der Zeit in Vladivostok gewann sie 2015 den Oxbrook Poetry Prize. Seit einem Jahr lebt sie wieder in Berlin, wo sie an der Freien Universität Sozial und Kulturanthropologie studiert, und sich langsam in der Deutschen Sprache als Poesiewerkzeug einlebt.

– Noch knapp eine Ostberliner Geburtsurkunde ergattert, so habe ich erstes Vierteljahrhundert trotzdem ausserhalb von Berlin verbracht. In dieser Zeit habe ich mit vielen fernen Städten geliebäugelt, von London bis Peking bis Vladivostok, und bin somit vor einem Jahr nur mit Murren und missmutigem Vorbehalten nach Berlin “zurück” gekehrt. Das war wohl die angemessenste Einstellung, um sich in dieser Stadt einzufinden — patzig und ohne grosse Erwartungen an sie, ist die Stadt mir ebenso gleichgültig entgegengetreten. Und gerade das liebe ich hier. Berlin lebt ohne Schnörkel und mit vielen Kanten, und so beachtet es diese auch bei Ihren Einwohnern nicht.

Ich mag die Paradoxen hier, und die stoische Art sie zu auszuleben— die knappen Worte und die langen Nächte; Flughäfen, die zu Feldern werde und Industriegebäude, in denen die Energie verschwendet wird; Mauern die schon lange offen stehen, und doch noch nicht überall gefallen sind. Verklären tue ich Berlin nicht — gerade das die Stadt so schwierig ist, macht es sie einfach, sie ernsthaft zu lieben.

Ich bin in Großstädten aufgewachsen, etwas Anderes kann ich mir nicht vorstellen. Mit dem Siegel “Stadtkind” assoziiere ich gleichzeitig bissige Stärke und Wandelbarkeit, aber wohl auch mit einer gewissen Egomanie. Der konstante Wandel, die Um-erfindung von Orten und Identitäten, die in einer Stadt möglich sind — das sind unglaublich wertvolle Eigenschaften der Stadt, die es erlauben neue Menschen und Lebensweisen zu akzeptieren und zu beherbergen. Aber keine Stadt ist wie die andere, keine ist als Ort in sich geschlossen und als Ganzes homogen; Grenzen kann man zwar für sich selber setzen, aber sie werden immer wieder gebrochen und neu verhandelt werden.

Man spürt den Wankelmut der Stadt, dass sie nie deiner Meinung sein wird, jeden Tag neu— das kann ermüden, und von sich Selbst und Anderen entfremden.

Der Berliner Künstler Stephan Brenn, geboren in Heidelberg. Arbeitet aktuell an Drahtinstallationen, Lichtinstallationen, Anweisungsprojekten und Fotoprojekten.
Realisierungen: Teufelsberg-Berlin; Preview Berlin Art Fair-Berlin; Museum Marta-Herford; contemporary art Ruhr-Zeche Zollverein Essen; art Tel Aviv; Luminale Frankfurt; Museum Schnütgen-Köln; Museum für Konkrete Kunst-Ingolstadt; Lichtturm-Solingen; Hörder Burg-Dortmund; Museum Schloß Burgk; Herz Jesu Kirche-Köln; Spichernhöfe-Köln; Reinraum Düsseldorf; Museum für verwandte Kunst-Köln; Kunstverein Projektraum Bahnhof 25-Kleve; Raum für zeitgenössische Kunst-Zürich; POSITIONS Berlin Art Fair-Berlin; German consulate general-New York City; bedsitter art fair-Wien………………….
www.brenn-projects.com

– Deine Lieblingstadt?
– Amsterdam
– Eine Großstadt: was gefällt/missfällt dir?
– Lebendigkeit, Ruhelosigkeit

Daria Bobrovskaya (1989, Togliatti).
Übersetzerin, Dichterin, Juristin. Autorin der Sammlung „Das Leben ohne Facebook» und einer Reihe von Publikationen im Verlag „Union of Writers“ und der Zeitschrift „Literarische Kaukasier.“ Projektinitiatorin von Tandem Übersetzung „ÜberDichter“. In Deutschland seit 2011. Daria lebt in Berlin.

– Deine Lieblingstadt?
– Moskau ist meine allergrößte Liebe, danach Top-3: Porto-Bucharest-Venedig.
– Eine Großstadt: was gefällt dir, was mißfällt?
– Zusammenfassend: Städte, die einem mehr geben als nehmen, haben bei mir eine besonders hohe Chance auf eine Liebesaffäre. Es ist eine Großstadtmagie, die einen beflügelt – wenn sie fehlt, lohnt dich die Stadt nicht, egal ob groß oder klein. Wie Lanin auch schrieb: Если город равен аэропорту,//значит, это не твой город.

Gabriel Wolkenfeld
Ich bin 1985 in der Hasenheide geboren, fühlte mich aber von Anfang an eher zu Wölfen hingezogen. Bevor mich meine Eltern auf eines dieser spießigen Elitegymnasien schickten, spielte ich mit meinen Freunden, allesamt bestintegrierte Migranten ohne Vorstrafenregister, in dunklen Neuköllner Hinterhöfen. Das Türkisch und Arabisch meiner Kinderjahre habe ich dann gegen ein gestochenes Deutsch eingetauscht, das ich Literaturübersetzungen aus dem amerikanischen Englisch verdanke. Als Schüler konnte ich allenfalls Semiinteressen vorweisen, in meiner Studentenzeit habe ich viele Serien geguckt und nach meinen Wanderjahren habe ich ein Buch geschrieben, 2015 bei Männerschwarm erschienen. Das sollte man unbedingt gelesen haben, wenn man was auf sich hält. Oder einfach mitreden will.

Meine Lieblingsstadt? Berlin, wenn ich wiederkehre. Wohnt man nicht gerade in Wilhelmsruh oder Adlershof, schnappt man hier ganz automatisch über. Die meisten Menschen nun sind so sehr mit sich selbst beschäftigt oder einfach schon an alles gewöhnt – Hahnenkämpfe in der U8, wilde Pokémon-Jagden durch die Stelen des Holocaust-Mahnmals, pferdeköpfige Gitarristen im String Tanga, dreimal wöchentlich auf der Warschauer Brücke –, dass sie gar nicht mitkriegen, wenn man mal einen Koller kriegt. Das lässt mich verzweifeln, verärgert mich und beglückt mich zu gleichen Anteilen. Das ist genau die Stimmung, die ich zum Schreiben brauche. Deshalb kehre ich wieder.